Namenzauber

Uralt ist die Vorstellung, dass mit der Namengebung auch Machtausübung verbunden ist. Im Alten Testament fordert Gott den Menschen auf, "einem jeden Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen" zu geben (1. Mose 2.20) und so sich die Erde untertan zu machen mit allem, "was da kreucht und fleucht". Und umgekehrt sagt Gott: "Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen. Du bist mein! ( Jesaia 43,1)

Mit dieser Vorstellung verbunden ist der Glaube, dass der Name ein unveräußerlicher Teil jedes Wesens und deshalb für sein Schicksal entscheidend sei. So erklären sich die großen Hoffnungen, aber auch die vielen Ängste, die mit der Namengebung verbunden waren. Das noch namenlose Kind galt als besonders schutzbedürftig. Vorsichtshalber wurden dem noch Ungetauften erst einmal unverfängliche Ersatznamen gegeben, die böse Geister irreführen und ablenken sollten, wie "Pfannenstielchen" oder "Bohnenblättchen".

Die germanischen Namen waren meist zweigliedrige Wunschnamen, mit denen man gute Eigenschaften und Erfolg im Leben für das Kind erhoffte: Siegfried (Frieden durch Sieg) und Sieglinde (sanft im Sieg), Ulrich (reich an Besitz) oder Heinrich (in der Heimat reich und mächtig).
Das Christentum brachte die Namen der Heiligen, von deren Patenschaft man sich vor allem Schutz versprach. Aber welcher für das Kind der geeignetste sei, das überließ man gern einer Art Gottesurteil. Zum Beispiel: Gleichgroße Kerzen wurden nach den in Frage kommenden Heiligen benannt und der Name der am längsten brennenden Kerze genommen.

Mit den Namen höherer oder zauberischer Wesen geht der Volksglaube sehr unterschiedlich um. Der Name Gottes wird, entsprechend dem Dritten Gebot gern umschrieben: "der Höchste", "der Allmächtige", ebenso der Name des Teufels: "Gottseibeiuns".
Die meisten Geister müssen kommen, wenn man sie bei ihrem Namen ruft. Sie kommen aber nicht gern. Deshalb sollten sie nicht leichtfertig gerufen werden (Rübezahlsagen, Goethes "Zauberlehrling", "Wenn man den Wolf nennt, kommt er"...). Aber wer den Namen des Berges weiß, dem muss er seine Schätze preisgeben: "Sesam, öffne Dich!".

Rom soll, wie der Geschichtsschreiber Varro erzählt, einen Geheimnamen besitzen. Wer ihn herausfindet, dem würde die Herrschaft über die Stadt zufallen. Aber keiner kennt ihn, wohl auch die Mafia nicht.
Sinn für Humor beweist der arabische Volksglaube, wenn er erklärt, warum das Kamel immer einen so hochmütigen Gesichtsausruck zur Schau trägt: "Allah hat hundert Namen. 99 kennt der Mensch, den hundertsten kennt nur das Kamel."

Da jedes Wesen und sein Name eine unauflösliche Einheit darstellen, ist Namenlosigkeit für den Menschen nicht fassbar. Ein "namenloses Unglück" übersteigt die menschliche Vorstellungskraft.
Wenn Wesen und Name eins sind, kann, wie die alten Römer glaubten, mit der damnatio memoriae durch Tilgung des Namens auf allen Denkmäern und aus allen Dokumenten auch der letzte Rest eines Wesens gelöscht werden.
Solcher Glaube - oder Aberglaube - erlebte im Stalinismus beim Umgang mit innerparteilichen Widersachern eine seltsame Wiederbelebung.