Kevin & Co.

Die Namenwahl wird vom Zeitgeschmack mitbestimmt. Unsere "Hitlisten" der letzten hundert Jahre dokumentieren das. Als in Deutschland noch die großen Herrscherhäuser den Ton angaben, waren in Preußen die Namen Wilhelm und Friedrich, in Bayern Ludwig und Max(imilian) sehr häufig. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg sollte kaum ein Kind mehr Wilhelm heißen. Den Deutschen schien ein für allemal die Lust vergangen zu sein, sich bei der Namenwahl an den Herrschenden und ihren Ideologien zu orientieren. So gab es in der DDR keine "sozialistische Namenkultur". Nach einer Umfrage bei Eltern in den neuen Bundesländern zu den Namen ihrer 1960-90 geborenen Kinder waren ihre wichtigsten Beweggründe: Wohlklang, Harmonie mit dem Familiennamen, Bezug zu den Vornamen der Familie.
Auch die Forderung der Nationalsozialisten: "Gebt Euren Kindern deutsche (germanische!) Namen!" fand wenig Gehör und wurde deshalb von den Behörden schon bald relativiert. Zwar fand sich Siegfried in der Hitliste, aber der war schon Ende des 19. Jahrhunderts ein populärer Name, meist zu Siggi verkürzt. Vielleicht als Zeichen einer Besinnung oder Rückbesinnung beginnt schon gegen Ende des Zweiten Weltkrieges die Neigung zu biblischen und antiken Namen wie Andreas, Michael, Thomas, Petra, Sabine, die nach 1945 bis heute in immer stärkeren Schüben die Namengebung bestimmt.

Warum aber bestimmte Namen modern sind und andere nicht, warum ein alter, fast schon vergessener Name wieder auftaucht und plötzlich "in" ist, lässt sich, wie bei anderen Modeerscheinungen auch, nicht rational begründen. Auch wenn bestimmte Leute zum Idol aufsteigen, bedeutet das nicht, dass deren Namen besonders beliebt werden. Weder Boris (Becker) noch Steffi (Graf) schafften den Sprung in die Hitlisten.
Aber es gibt Ausnahmen. Der Jungenname "Kevin" verdankte seine plötzliche Beliebtheit wohl doch dem zeitgleich (1991) erfolgreichen Film "Kevin allein zu Haus", in dem ein sympathischer und pfiffiger Junge eine Verbrecherbande austrickst.
Und in den USA wurde in den fünfziger Jahren der Name eines Filmschauspielers außerordentlich populär, obwohl es weder sein richtiger, noch überhaupt ein Vorname war: Der Filmschauspieler hieß Frank J.Cooper. Seine Agentin Nan Collins meinte, dass diese Vornamen nicht zu ihm passten. Nan Collins stammte aus der Stadt Gary in Indiana und schlug vor, er solle sich doch "Gary" Cooper nennen. Der Name höre sich "poetisch" an und mit ihm würde er sicher Erfolg haben. Gary Cooper gewann 1941 als "Sergeant Yorck" und 1952 mit dem legendären Film "12 Uhr mittags" den Oscar als bester Darsteller. Mit dem Erfolg und der Beliebtheit Gary Coopers stieg auch die Zahl der US-Boys, die nach ihm Gary hießen.

Ausgefallene oder gar exotische Namen sind in Deutschland eher die Ausnahme. Wenn Nina Hagen ihre Tochter Cosma Shiva nennt oder Steffi Graf ihren Sohn Jaden Gil, so macht das zwar Schlagzeilen, findet aber kaum Nachahmer.
Die meisten Kinder bekommen allgemein akzeptierte Namen und genießen so auch den "Schutz der Normalität" (Wilfried Seibicke). Die Namenforscher beklagen sogar, dass das große Namenspotential viel zu wenig ausgeschöpft werde. Das Standardwerk "Vornamen" von Wilfried Seibicke enthält etwa 6.000 Vornamen, der kleine Reclamband von Friedhelm Debus etwa 2.000. Der Namensbestand des deutschsprachigen Raumes insgesamt wird sogar auf 10 - 12.000 geschätzt. Statistisch gesehen teilen sich aber oft mehr als 70 Prozent eines Jahrgangs nur etwa 40 Namen. So war "Christian" zwölf Jahre lang die Nummer eins auf der Hitliste der Jungen, "Michael" zählte 35 Jahre lang zu den zehn beliebtesten Vornamen.