Falschnamen

Man nennt sie auch Pseudonyme. Das Wort kommt aus dem Griechischen und setzt sich zusammen aus pseudos = Unwahrheit, Täuschung und ónyma = Name. Das Wort sagt, was es bezweckt: Es will täuschen. Pseudonyme werden von ihren Trägern selbst gewählt. Aber anders als bei Namensänderungen wird nicht der alte Name gelöscht und durch einen neuen ersetzt, sondern der ererbte, bürgerliche Name bleibt bestehen.

Bei Schriftstellern und Künstlern, aber auch bei revolutionären Politikern kann der "richtige" Name hinter dem "falschen" völlig verschwinden. So nennt auch die Geschichtsschreibung Lenin (Wladimir Iljitsch Uljanow), Stalin (Jossif Wissarionowitsch Dschugaschwili) oder Tito (Josip Broz) in der Regel nur mit ihren "Kampfnamen". Auch Willy Brandt, der eigentlich Herbert Ernst Frahm hieß, behielt seinen Decknamen, den er sich im Kampf gegen den Nationalsozialismus zugelegt hatte.

Wer wegen der Veröffentlichung kritischer Schriften sich vor Verfolgung schützen muss, dem dient der Falschname als Versteck. Einen einsamen Rekord in dieser Hinsicht hält der immer wieder verhaftete und ausgewiesene Voltaire mit etwa 160 Pseudonymen. Selbst Voltaire war wohl nicht sein richtiger Name.

In sichereren Zeiten und Ländern wählen Schriftsteller gern Pseudonyme, um inkognito zu bleiben oder als "Markennamen" für bestimmte Artikel. Theodor Heuss schrieb als Theodor Brackenburg (nach seinem Heimort), Walter Jens verfasst Fernsehkritiken als "mómos" (griechisch: die Tadelsucht). Kurt Tucholsky benutzte für seine vielen Artikel in der Weltbühne gleich vier Pseudonyme: Theobald Tiger, Peter Panther, Kaspar Hauser und Ignaz Wrobel. Er wollte den Lesern der Zeitschrift nicht immer den selben Verfassernamen zumuten.

Kurt W. Marek, der in den 30er und 40er Jahren als Verfasser von Nazi-Kriegsbüchern bekannt geworden war, schrieb seinen Weltbestseller "Götter, Gräber und Gelehrte" als C.W. Ceram (Marek als Anagramm, von hinten nach vorn gelesen), um sich von seinen früheren Produkten abzusetzen.

Schriftstellerinnen benutzten früher häufig Pseudonyme, um besser zur Kenntnis oder überhaupt ernst genommen zu werden. George Sand zum Beispiel hieß eigentlich Amandine, Lucille, Aurore Dupin. Andere versteckten ihren weiblichen Vornamen hinter Abkürzungen (E. Marlitt = Eugenie Marlitt).

Viele Künstler wollen mit einem Pseudonym einen unattraktiven und deshalb hinderlichen Namen verbergen. Kann ein Josef Bschließmayer ein großer Schauspieler werden? Als Oscar Werner ist ihm das gelungen. Auch der jungen Schauspielerin Ingrid Unverhau schien ihr Name hinderlich. Ingrid Andree klingt da schon viel besser. Walter Matuschanskavasky wollte in Amerika Karriere machen. Als Walter Matthau wurde er ein großer Charakterschauspieler, Bernard Schwartz als Tony Curtis ein Weltstar.

Wie man zu einem Pseudonym kommen kann, zeigt das Beispiel des Schriftstellers und Kulturphilosophen Günther Anders, der eigentlich Günther Stern hieß. Bei der Bewerbung als Redakteur einer Zeitschrift wurde ihm gesagt, dass man schon einen Mitarbeiter dieses Namens habe. Darauf Stern: "Dann muss ich eben anders heißen!"



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